Das Krankenhaus

December 26, 2017

19 Besucher in meinem kleinem Zimmer sind deutlich zu viel. Ein paar stehen auf dem Gang und versuchen einen Blick auf den langen Deutschen zu werfen. Ich vermute, sie sehen hier nicht viele Ausländer. Eine der Besucherinnen hält dann auch einen Vortrag über mich. Sie ist nervös, bleibt immer wieder hängen. Ich hatte ihr am Vortag gesagt, dass sie mir für ihre Anamnese irrelevante Fragen stellt. Sie hat nicht auf mich gehört. Sie lernt noch dazu. Sie ist eine Nachwuchsärztin. Ich liege in der Gastroenterologia Japones Boliviano in Sucre, Bolivien.

Am Tage zuvor bin ich mit dem Taxi dorthin gefahren, um Linderung für meine außer Rand und Band geratene Verdauungstrackte zu erbitten. Als eine Ärztin mich zum Labor geleitet, und ich ihr auf der Treppe auf dem Weg dorthin fast in die Arme falle, nicht aus Sympathie, sondern aus Schwäche, behält sie mich gleich da. Eine Stunde später hänge ich am Tropf. Als ich mich später mit meinen Infusionsständer auf die Toilette schiebe, man hatte mich um eine Probe gebeten, schaue ich mich suchend um. Es gibt kein Toilettenpapier. In einem Krankenhaus für den Magen-Darm-Trakt. Ich frage eine Schwester, ob sie mir etwas bringen könnte. Sie verweist mich an meine Familie. Das dürfte etwas dauern, denke ich mir, die ist über 10.000 Kilometer entfernt. Ich bettele weiter und bekomme Küchenallzweckpapier. Ich bin sehr dankbar. Am nächsten Tag wird es von einer Putzfrau geklaut. 

In der Nacht wird es laut. Vor meinem Zimmer hat sich eine Großfamilie niedergelassen. Die Wände sind dünn, meine Tür lässt sich sich nicht richtig schließen. Ich schiebe müde und wütend meinen Infusionsständer auf den Gang und fordere Ruhe. Großen Eindruck mache ich nicht. Es wird weiter gesprochen, laut gestritten, ich weiß es nicht. Ich denke darüber nach, meine Urinprobe, der ganze Trog ist voll, über ihnen auszukippen. Oder sie mit dem Infusionsständer zu verprügeln. Nach drei Stunden grummelnder Schlaf sehe ich dann die 19 vor mir. Ich habe sie mehrfach durchgezählt.

Die Nacht kostet mich gut fünf Euro, Medikamente ausgenommen. Es ist die günstigste Schlafgelegenheit, die ich bisher gefunden habe. Auch eine Art, Geld zu sparen, für mich aber keine zukunftsträchtige. 

 

 

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